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Angriff auf den Separatfrieden

Notizen zum Verhältnis zwischen Kunst und Wissenschaft sowie zu den trans- und interdisziplinären Erfahrungen im Projekt „Sondernutzung“.

Die stetig steigende Komplexität unserer eng vernetzten Welt stellt insbesondere die gegenwärtige Wissenschaft vor ein Dilemma. Auf der einen Seite steht die „Unvermeidlichkeit wissenschaftlicher Arbeitsteilung“ seit jeher fest: Angesichts wachsenden Wissens ist „wissenschaftliches Erkennen notwendigerweise perspektivisch, also vereinseitigend“ (Kaufmann 1987: 64). Dies hat bekanntermaßen eine feine Ausdifferenzierung und disziplinäre Spezialisierung zur Folge, produziert allerdings auch Pfadabhängigkeiten und Scheuklappen- Mentalitäten. Auf der anderen Seite haben komplexe Phänomene wie Armut, Migration oder der Klimawandel offensichtlich vielschichtige und interdependente natur-, sozial-, kultur- und wirtschaftswissenschaftliche Dimensionen (siehe etwa Leggewie/Welzer 2009). Die akuten Herausforderungen unserer Zeit verlangen somit nach fächerübergreifenden Lösungsansätzen. Hochspezialisierte Wissenschaftler laufen jedoch zwangsläufig Gefahr, die Potenziale und Errungenschaften anderer Disziplinen auszublenden. Entsprechend laut ist der Ruf nach Interdisziplinarität, aber auch nach einer verstärkten Öffnung der Wissenschaft gegenüber der Gesellschaft: Es findet sich kaum noch eine wissenschaftliche Konferenz, Publikation oder öffentliche Diskussion, wo diese Notwendigkeit nicht beschworen wird. So ist es kaum verwunderlich, dass auch die aktuelle Forschungsförderung auf interdisziplinäre Kooperation ausgerichtet ist. Die Global Young Faculty (GYF), in deren Rahmen das Projekt „Sondernutzung“ realisiert wurde, bietet ausgewählten NachwuchswissenschaftlerInnen eine Plattform, um „interdisziplinär zu arbeiten“ und somit die fixierten fachlichen Grenzen der Hochschulen zu überwinden (Stiftung Mercator 2011).

Was ist jedoch mit dem Begriff der Interdisziplinarität gemeint? Eine klare Abgrenzung scheint zwar schwierig, grundlegend lässt sich damit jedoch die Zusammenarbeit von ForscherInnen über Fachgrenzen [1] hinweg zu einem gemeinsamen Untersuchungsgegenstand bezeichnen (vgl. Schophaus u.a. 2003: 5ff.). Anleitend ist hier nicht das überkommene Ideal des genialen Allgemeingelehrten, vielmehr lässt sich Interdisziplinarität als wissenschaftliche Reaktion auf den zuvor skizzierten Gegensatz von Spezialisierung und Komplexität begreifen. Eine grundlegende Skepsis ob des Erfolgs solcher Zusammenarbeit scheint zunächst naheliegend, denn sind Spezialisten zur interdisziplinären Kooperation entschlossen, sehen sie sich einigen Herausforderungen gegenüber. Dem Sozialpsychologen Harald Welzer zufolge ließe sich darüber „ein eigenes Buch schreiben“, welche Schwierigkeiten allein dabei entstehen, über Fachgrenzen hinweg gemeinsam eine wissenschaftliche Publikation zu erarbeiten (Welzer 2011). Doch auch in grundlegender Hinsicht, bei der Diskussion methodischer, erkenntnistheoretischer und schon begrifflicher Fragen lauere eine Vielzahl von Fallstricken. Ernüchtert stellt Welzer fest: „Interdisziplinarität funktioniert nur pragmatisch, in der exakten Definition eines gemeinsam erschließbaren Gegenstandsbereichs und in der Abstimmung erprobter Instrumente und Methoden“ (Welzer 2006). Trotz dieser Einschränkungen verspreche interdisziplinäre Zusammenarbeit allerdings einen erheblichen Mehrwert: einerseits, weil sich ihre Ergebnisse meist in einen größeren Zusammenhang einordnen ließen, andererseits, weil sie die Beteiligten zur Reflexion über die eigene Disziplin anrege. So spricht Welzer dem fächerübergreifenden Austausch das Potenzial zu, den „disziplinären Separatfrieden“ (Welzer 2006) zu stören – den zuvor angedeuteten internen Konsens einer Einzeldisziplin über ihr Programm und Instrumentarium also, der sich zu oft nur unter Missachtung der Forschungsergebnisse anderer Fachgebiete aufrecht erhalten lässt.

Die offene Konzeption der GYF überließ den in ihr organisierten Arbeitsgruppen die selbständige Wahl und Organisation ihres Outputs – wohl auch, um den skizzierten Schwierigkeiten ein Stück weit vorzubeugen. Für die Arbeitsgruppe „Religion und Werte“ bedeutete allein schon ihre Zusammensetzung eine Herausforderung: Vertreter so unterschiedlicher Disziplinen wie der Psychologie, Pädagogik, Soziologie, Rechtswissenschaft und Japanologie mussten sich unter einer gemeinsamen Fragestellung zusammenfinden. Zusammen konzipierten sie mit „Sondernutzung“ ein Projekt, das die Rolle religiöser Minderheiten in den Fokus rückte und dabei den akademischen Dunstkreis öffentlichkeitswirksam verlassen sollte (siehe auch den Beitrag von Arnold und Nagel in diesem Band). Einigkeit bestand in der Diagnose: Wenn es darum geht, die eigenen Fragestellungen und Befunde mit einer breiteren Öffentlichkeit zu diskutieren, dann stößt die Wissenschaft schnell an ihre Grenzen. Zu kryptisch erscheint zumeist ihr Vokabular, zu speziell ihre Erkenntnisse und zu unattraktiv ihre Darstellungsformen. Um in den direkten Austausch mit der Öffentlichkeit zu treten, war ein kommunikatives Vehikel nötig. Hier bot sich die (Bau-) Kunst an: Wenn sich Religion im öffentlichen Raum gerade auch in der Architektur manifestiert [2], konnte ein Gebäude beziehungsweise eine baukünstlerische Installation als Projektionsfläche und Kristallisationspunkt für den Diskurs über religiöse Minderheiten dienen. Der Ansatz erwies sich als erfolgreich, denn mit Hilfe der ästhetischen Darstellungsform konnten implizite Inhalte dieses Diskurses visualisiert und erfahrbar gemacht werden. Nicht zuletzt diese Erfahrungen sprechen für die These, dass der Erfolg bei der Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse stark von dem gewählten Diskursmedium abhängt.

Das Projekt bewegte sich somit im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft, Kunst und Öffentlichkeit, so dass ihm nicht nur ein interdisziplinärer, sondern auch ein transdisziplinärer Charakter zugesprochen werden kann. Wenn sich der Begriff der Interdisziplinarität in erster Linie auf die Zusammenarbeit zwischen wissenschaftlichen Disziplinen bezieht, lässt sich Transdisziplinarität demgegenüber als Austausch und Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Gesellschaft beschreiben – aber auch als Ansatz, Wissens- und Wissenschaftsinhalte nicht-akademischen Akteurenzugänglich zu machen (Mieg 2003: 35; Thompson Klein 2010: 24ff.). Adressiert werden hierbei weniger Fragen der Grundlagenforschung als vielmehr „komplexe gesellschaftliche Probleme, […] die nicht eindeutig beschreibbar sind“ (Schophaus u.a. 2003: 8).

„Wissenschaft wäre Vernunft, und Kunst ihr Mechanismus, deshalb man sie auch praktische Wissenschaft nennen könnte. Und so wäre denn endlich Wissenschaft das Theorem, Kunst das Problem.“ [3] Folgt man dieser altbekannten Charakterisierung Goethes, so erscheint die im Projekt „Sondernutzung“ eingegangene Verbindung als logische Konsequenz einer praktisch gedachten Wissenschaft. Es brauchte die Deutungsoffenheit der Kunst und ihr provokatives Potential, um unbeteiligte Passanten zu ungewohnten Gedankenexperimenten anzuregen. Hier deutet sich allerdings ein Konflikt an, der die Herausforderungen interdisziplinärer Zusammenarbeit noch übertrifft. Denn geht die Wissenschaft eine Verbindung mit künstlerischer Praxis ein, dann treffen zwei Systeme aufeinander, die bei ihrer Produktion ganz unterschiedliche Zielsetzungen verfolgen. Wissenschaft zielt – so schwer dies mitunter auch zu realisieren ist – darauf ab, möglichst eindeutige Aussagen zu treffen. Die Nachvollziehbarkeit und Stringenz ihrer Argumentation sind grundlegende Gütekriterien. Kunst hingegen lässt – soweit sich dies in aller Kürze generalisieren lässt – bewusst Interpretationsspielräume offen. Ein Künstler geht mitunter gewollt das Risiko ein, beim Betrachter Assoziationen auszulösen, die sich von seiner ursprünglichen Intention vollkommen unterscheiden können.

In Überwindung dieses fundamentalen Gegensatzes wurden im vorliegenden Fall zwei komplementäre Herangehensweisen miteinander verbunden: einerseits der Drang, das Projekt bis ins Detail argumentativ zu verankern und erklärbar zu machen, und andererseits die Überzeugung, dass Kunst für sich selbst stehen müsse und sich einer singulären Deutung entziehe. Um das Projekt zur Zufriedenheit aller Beteiligten realisieren zu können, bedurfte es einer pragmatischen Bereitschaft, offen aufeinander zuzugehen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Der unvereinbar scheinende Antagonismus löste sich so schließlich in einer konstruktiven Auseinandersetzung auf: Wenn das Projekt „Sondernutzung“ für die beteiligten Wissenschaftler den erwünschten „Schritt heraus aus dem sprichwörtlichen Elfenbeinturm“ bedeutete (Arnold/Nagel in diesem Band), erbrachte es für die Baukünstler von N222 den Beweis, dass ihr Entwurf nach der Realisierung den Erwartungen genügte, die über formal-ästhetische Aspekte weit hinausgingen. Kunst ist zwar für den Kunstschaffenden häufig das Ergebnis eines entlarvenden Öffnungsprozesses, auf der anderen Seite bietet ein Interpretationsspielraum auch immer einen Rückzugsort, der den Künstler davor bewahren kann, seine Position allzu exakt zu offenbaren. Bei der „Sondernutzung“ war dieser Rückzugsraum durch die begleitende wissenschaftliche Reflexion jedoch streng limitiert.

Schließlich lässt sich auch die folgende Erfahrung festhalten: So fruchtbar der Austausch – sowohl zwischen den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen als auch zwischen Kunst und Wissenschaft – auch sein kann, gilt es doch gerade im Verbund immer die kritische Urteilskraft zu bewahren. Trotz des vielversprechenden Amalgams von aufeinander bezogenen Handlungsund Herangehensweisen muss die eigene Kompetenz erhalten bleiben, um das gemeinsam geplante und realisierte Projekt aus möglichst vielen verschiedenen Perspektiven betrachten und kritisch beurteilen zu können. Hierzu gehört vor allem ein gesundes Selbstbewusstsein, was die jeweils eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten angeht, verbunden mit der Bereitschaft, auch grundsätzliche Fragen zur Diskussion zu stellen. Interund Transdisziplinarität sind demnach keinesfalls mit Konsensfindung zu verwechseln: Gerade in der Artikulation und Explikation von Gegensätzen liegen ihre Potenziale. Gleichfalls muss inter- wie transdisziplinäre Arbeit arbeitsteilig organisiert sein – mit zahlreichen kommunkativen Schnittstellen und einem regelmäßigen Austausch (vgl. Mieg 2003: 40ff.), allerdings im festen Vertrauen auf die Fähigkeiten der jeweils anderen Seite. Das Projekt „Sondernutzung“ war für alle Beteiligten ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Umso größer erscheint im Rückblick sein Gewinn: Was Harald Welzer als „Angriff auf den disziplinären Separatfrieden“ bezeichnet, war in diesem Fall eine umfassende Erweiterung des eigenen Horizonts und eine kritische Reflexion des jeweiligen Spezialwissens. Gleichzeitig entstand aus der engen Zusammenarbeit zwischen den Vertretern verschiedener Wissenschaftsdisziplinen untereinander und mit den Künstlern ein Mehrwert: Die vielfältigen öffentlichen Reaktionen auf das Projekt und die intensive Auseinandersetzung der Besucher mit ihrer Beziehung zu religiösen Minderheiten liefern Grund für die Annahme, dass auch der gesellschaftliche Diskurs über das Thema neue Impulse gewonnen hat. Es bleibt zu wünschen, dass diese und ähnliche Formen der Kooperation und des Austauschs zukünftig keine Ausnahmen mehr darstellen werden.

Anmerkungen:
[1] Zu beachten ist hierbei, dass die Unterscheidung von Disziplinen keiner natürlichen Ordnung folgt, sondern dass diese soziale Konstrukte darstellen, die nur zum Teil auf Zusammenhängen von Forschungsfragen beruhen (vgl. Schophaus u.a. 2003).

[2] Für eine architektonische Perspektive vgl. die Beiträge in Stegers, Rudolf (Hrsg.) (2008). Sacred Buildings. A Design Manual. Basel, Birkhäuser Verlag.

[3] Johann Wolfgang von Goethe (1960): Berliner Ausgabe. Kunsttheoretische Schriften und Übersetzungen. Band 18. Berlin, Aufbau Verlag: 597.

Literatur:
Kaufmann, Franz-Xaver (1987). Interdisziplinäre Wissenschaftspraxis: Erfahrungen und Kritierien. In: Kocka, Jürgen (Hrsg.). Interdisziplinarität: Praxis – Herausforderung – Ideologie. Frankfurt/Main, Suhrkamp: 63-81.

Leggewie, Claus; Welzer, Harald (2009). Das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Frankfurt/Main, S. Fischer Verlag.

Mieg, Harald A. (2003). Interdisziplinarität braucht Organisation! Erfahrungen eines Psychologen im Umweltbereich. In: Umweltpsychologie, 7. Jg., Heft 2, 32-52.

Schophaus, Malte; Dienel, Hans-Ludger; von Braun, Christoph-Friedrich (2003). Von Brücken und Einbahnstraßen. Aufgaben für das Kooperationsmanagement interdisziplinärer Forschung. ZTG Discussion Paper 08/03. Unter: http://www.ztg.tu-berlin.de/pdf/einbahn.pdf (Zugriff am 30. April 2011).

Stiftung Mercator (2011). Global Young Faculty – Exzellenznetzwerk für die Wissenschaftsregion Ruhr. Unter: http://www.stiftung-mercator.de/kompetenzzentren/wissenschaft/global-young-faculty.html (Zugriff am. 29. April 2011).

Thompson Klein, Julie (2010). A Toxonomy of Interdiscipinarity. In: Frodeman, Robert; Thompson Klein, Julie; Mitcham, Carl (Hrsg.). The Oxford Handbook of Interdisciplinarity. Oxford, University Press: 15-30.

Welzer, Harald (2006). Nur nicht über Sinn reden! In: Die Zeit vom 27. April 2006 Unter: http://www.zeit.de/2006/18/B-Interdisziplinaritt_xml (Zugriff am 29. April 2011).

Welzer, Harald (2011). „Das Gehirn ist ein bio-kulturelles Organ.“ Interview mit Adelheid Müller-Lissner. In: Der Tagesspiegel vom 27. Januar 2011. Unter: http://www.tagesspiegel.de/wissen/das-gehirn-ist-ein-bio-kulturelles-organ/3745734.html (Zugriff am 30. April 2011).

Erschienen in:
Arbeitsgruppe Religion und Werte der Global Young Faculty & N222 (Hrsg.). (2011). Sondernutzung – Ein transdisziplinäres Kunst- und Wissenschaftsprojekt zur Bedeutung religiöser Vielfalt im öffentlichen Raum. Essen, Stiftung Mercator: 51-56. Unter: http://sondernutzung.wordpress.com/2011/09/30/sondernutzung-die-projektdokumentation/.

[Foto: Alexander von Freeden | cc by-nc-sa 3.0]

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