Soundcheck

Review: Döll – „Nie oder jetzt.“

Sympathisches Gestammel mit südhessischem Zungenschlag

Schwäche zeigen ist Stärke. Mit dieser Plattitüde kann ich den ersten Eindruck umschreiben, der mir beim Hören des Albums „Nie oder jetzt.” von Döll entstanden ist. Es geht persönlich los: die ersten Zeilen des ersten Tracks „Für den Fall“ kommen als Sprachnachricht daher und vermitteln mir das Gefühl, als sei ich selbst der Empfänger. Doch nach dem Drop rollt Döll dann über einen saftigen Beat von Nobodys Face weiter und es wird klar, dass hier kein Trittbrettfahrer am Werk ist, der sich an aktuelle Soundästhetiken dranhängt, sondern ein Rap-Nerd, der viel zu erzählen hat: „Immer noch Boom-Taschakk / seit den ersten Platten, die ich hatte von Buback…“  (aus All Day Pt. 1).

Und persönlich geht es weiter, auf erstklassigen Tschakk-Boom-Beats von Dexter, Yassin, Enaka, Torky, Gibmafuffi und anderen. In seinem unverwechselbaren Flow thematisiert Fabian Döll seine Spielsucht, Beziehungsprobleme, die fehlende Vaterfigur – das Leben als Struggle, bei dem nur das enge Verhältnis zu seinem Bruder, Freunden und der Musik vorm absoluten Absturz bewahrt. „Das Album war ein einziger Kampf und es ist mir alles andere als leicht gefallen so etwas Persönliches zu droppen“, so Döll auf Instagram. Ich fühle mich an Chefket erinnert: „Sigmund Freud wäre stolz, Rap ist Therapie“. Scherz beiseite, denn Döll ist offensichtlich nicht nach Lachen zumute. Was fast auch das einzige ist, was ich an dem Album auszusetzen habe: Ein wenig mehr Selbstironie und ein paar Lacher hätten vielleicht geholfen, um die Therapiestunde etwas aufzulockern. Aber vielleicht ist das eher das Revier von Bruder Mädness: „Klick-Boom-Taschakka-Lakka!

Kontrastierte ich jedoch „Nie oder jetzt.“ mit den beiden anderen Rap-Veröffentlichungen die mir in der vergangenen Woche aufgefallen ist – dem so selbstgefälligem wie aalglatten „DODI” von Shindy und der Dauerwerbesendung „HaifischNikez“ von 187 Strassenbande – dann freue ich mich um so mehr darüber, das Döll den Kampf mit sich selbst überstanden hat. Klar, Döll hat mit den beiden anderen Releases so wenig gemeinsam, dass es fast unterschiedliche Sportarten sind. Jedoch ist es ein Zeichen der Hoffnung, dass selbst 2019 noch mit Selbstreflexion und deutlicher Artikulation zumindest ein Blumentopf zu gewinnen ist. Wer jedoch die meisten Klicks einfährt, das steht leider auf einem anderen Blatt.

Empfehlenswert nach dem dritten Mal „Nie oder jetzt.“ in Folge ist übrigens die 57. Folge des All Good-Podcasts mit Döll als Gast – für ein bisschen mehr Kontext und einigem sympathischen Gestammel mit südhessischem Zungenschlag: „Ich tu das, All Day, ich tu das…“

(Foto: Robert Winter / Landstreicher Booking)

0 Kommentare zu “Review: Döll – „Nie oder jetzt.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.