Politik

#SaveDotOrg und die WordPress-Community

Die beliebte .org-Domain ist in Gefahr. Was ist los und was macht WordPress? Schauen wir uns das mal an!

Die Buchstaben „.org“ inmitten eines bunten Strahlenkranzes

Was ist bislang passiert?

Am 13. November 2019 wurde bekannt, dass die Public Interest Registry (PIR) sich selbst an die neu gegründete Investment-Firma Ethos Capital verkauft hat. Die PIR verwaltete bislang im Auftrag der ICANN alle Domains mit der .org-Endung – eine Endung, die weltweit von vielen Nichtregierungsorganisationen und Non-Profits verwendet wird.

Beobachter*innen kritisieren den Deal als so undurchsichtig wie undemokratisch und äußern Sorge über die Konsequenzen. Mehr Informationen zum Beispiel hier in einem Artikel von Cory Doctorow auf BoingBoing.net.

Viele meiner Auftraggeber*innen arbeiten im Non-Profit-Bereich und nutzen die sogenannten Dot-Org-Domains. Steigende Kosten für Non-Profits überall auf der Welt sind nur eine mögliche Konsequenz, wenn die Kosten für den Verkauf wieder eingespielt werden müssen und die Domain zukünftig gewinnbringend vermarktet wird.

Nach einer – meines Endrucks nach – eher mittelgroßen Welle der Entrüstung hat die ICANN den Verkauf für eine Frist von 30 Tagen pausiert. Mehr hier bei The Verge.

#SaveDotOrg – die Gegenkampagne

Die digitale Bürgerrechtsorganisation EFF organisiert zusammen mit vielen anderen Organisationen unter dem Hashtag #SaveDotOrg eine Gegenkampagne, der sich bislang über 21.000 Individuen und 600 Organisationen angeschlossen haben. Auf die mögliche demokratische US-Präsidentschaftskandiatin Elizabeth Warren und fünf weitere Abgeordnete haben sich gegen den Verkauf ausgesprochen – ein offener Brief dazu findet sich hier auf der Website von Elizabeth Warren. (Pikantes Detail: Hinter Ethos Capital steht offenbar eine Reihe reicher Familien aus dem Lager der konservativen Republikaner.)

Hier auf der Aktionsplattform der EFF kann die Petition unterschreiben werden – als Individuum oder, etwas weiter unten versteckt unter „Learn More“, auch als Organisation. Dies sollte möglichst noch diese Woche geschehen, denn für den 24. Januar 2020 wird die endgültige Entscheidung der ICANN erwartet.

In diesem Artikel auf der EFF-Website vom 17. Januar 2020 finden sich noch mehr Hintergrundinformationen zu den Risiken des Verkaufs und zum aktuellen Stand.

Und hier auf SaveDotOrg.org finden sich die Organisationen, die die Kampagne unterstützen. Viele große und vertraute Namen sind dabei: neben Greenpeace, die Wikipedia Foundation und Creative Commons auch die Stiftung Datenschutz, die MariaDB Foundation oder die Apache Software Foundation. Welcher Name fehlt da nur bloß? 🤔

Das Schweigen im WordPress-Wald

Als ich vorhin anfing, für diesen Beitrag zu recherchieren, hatte ich schon die Hoffnung und Erwartung, dass sich die WordPress-Community klar auf die Seite der #SaveDotOrg-Kampagne geschlagen hat. Treibt das WordPress-Projekt nicht irgendwie sowas wie „über ein Drittel des Internets“ an? Besitzt die WordPress Foundation nicht selbst eine kleine DotOrg-Domain? Und laufen nicht mutmaßlich ziemlich viele Websites auf Dot-Org-Domains mit WordPress?

Aber leider finde ich für das Engagement der WordPress-Community und -Institutionen einfach gar keine Anzeichen. Nix. Nada. Eine Twitter-Suche nach dem Kampagnen-Hashtag und dem Stichwort „WordPress“ führt (bislang) ins Nirgendwo.

Der Screenshot zeigt die Twitter-Web-App mit den Suchbegriffen „#SaveDotOrg“ und „WordPress“ und dem Hinweis „Keine Ergebnisse“.
Eine unerfolgreiche Twitter-Suche

Moment, aber WordPress-Gründer Matt Mullenweg hat sich doch bestimmt privat dazu geäußert! Leider Fehlanzeige.

Aber hier, Moment, so ein paar unbekannte Leute wie Esther Dyson, Katherine Maher, Michael Roberts und Marietje Schaake haben doch so eine Genossenschaft nach Vorbild der DENIC gegründet und sich als alternative Trägerorganisation in Position gebracht. (Mehr darüber hier auf der Website der Cooperative Corporation of dot-org Registrants und bei der New York Times.) Aber da sind „wir“ doch bestimmt dabei!? Ähm, leider nein.

Okay, genug des Sarkasmus. Ich hoffe, dass sich diese Woche noch einige Stimmen aus dem WordPress-Dunstkreis zum Thema melden. Und ich hoffe, dass die WordPress-Community in solch’ wichtigen Fragen der Internet-Governance zukünftig mehr Gewicht einnimmt.

WordPress und Internet Governance

Wahrscheinlich verfolge ich die internen Diskussionen bei weitem nicht gut genug, um mir hier ein Urteil zu erlauben (von selbst einbringen ganz zu schweigen). Aber mir scheint, dass sich das WordPress-Projekt – in welcher Form auch immer – viel zu wenig in den politischen Prozess einbringt. Gemessen an seiner Größe, seinem Anspruch und seiner Ausrichtung ist der Beitrag von „diesem WordPress“ viel zu gering (ich setze hier wieder mal Anführungszeichen, denn mir ist ja auch bewusst, dass die momentane Verfassung eine politische Positionierung offenbar sehr erschwert.)

Ich erinnere mich aber daran, dass das inoffizielle WordPress Governance Project aus ähnlichen Beobachtungen heraus entstanden ist.

The purpose of this project is to explore:
[…]
2. WordPress’ role in the governance of the open web including representation in forums where decisions about the web platform and the Internet are made.
[…] Stage 2 of the project will focus on how WordPress can take part in the governance and evolution of the wider web through policy and representation.

von wpgovernance.com

#SaveDotOrg scheint mir ein weiteres eklatantes Beispiel dafür zu sein, dass der (netz-)politische Prozess heutzutage ohne WordPress stattfindet. Dabei hätten wir doch viel beizutragen.

Wenn ich etwas übersehen habe, freue ich mich auf Kommentare!


Das Header-Bild stammt von EFF.org und ist unter CC BY 3.0 US lizenziert.

7 Kommentare zu “#SaveDotOrg und die WordPress-Community

  1. Schwierige Frage, wer hier tätig werden könnte. Welche Team wäre zuständig? Von den Make-Teams (https://make.wordpress.org/) am ehesten Community, aber auch nicht so richtig.
    Vielleicht direkt die Foundation mal anschreiben und nach einer „offiziellen“ Position fragen? https://wordpressfoundation.org/contact/
    Ansonsten gab es bei ähnlichen Problemen auch Protest-Plugins, die temporär für mehr Aufmerksamkeit gesorgt haben. So was wie:
    https://wordpress.org/plugins/net-neutrality/ oder https://wordpress.org/plugins/d64-lsr-stopper/ (da gibt es auch noch mehr Beispiele).
    Vielleicht wäre so etwas hilfreich, um die Awareness für das Problem zu schaffen.

    • Hallo Torsten, vielen Dank für deinen Kommentar! Wahrscheinlich ist genau dies das Problem: Es gibt irgendwie niemanden, der die Stimme „der Community“ in politischen Prozesse einbringt. Die Foundation habe ich aber gleich mal angeschrieben. Josepha Haden habe ich auch einfach mal frech über Twitter angepingt. Bin gespannt, ob da was zurückkommt…

  2. Anders als Unternehmen wie Automattic, die sich auch mal an einem Digital Climate Strike beteiligen, muss sich die WordPress Foundation vor jeder nennenswerten politischen Positionierung hüten, anderfalls riskiert sie ihren Status einer gemeinnützigen Stiftung (501(c)3 non-profit organization) bzw. die damit verbundene Steuerbefreiung:

    A section 501(c)(3) organization will jeopardize its [tax] exemption if […] more than an insubstantial part of its activities does not further an exempt purpose. A 501(c)(3) organization:
    – must absolutely refrain from participating in the political campaigns of candidates for local, state, or federal office
    – must restrict its lobbying activities to an insubstantial part of its total activities
    – […]

    IRS: Life Cycle of a Public Charity – Jeopardizing Exemption

    Spätestens seit sich politische Persönlichkeiten wie Elizabeth Warren et al. in die Debatte eingeschaltet haben, könnte jede öffentliche Äußerung (von einer Kampagne ganz zu schweigen) seitens der WordPress Foundation als „participating in the political campaigns of candidates“ ausgelegt werden – streitbar sicherlich, aber mit potenziell unvorhersehbaren Konsequenzen.

    Kurz, ihr Status der Gemeinnützigkeit bindet der WordPress Foundation die Hände.

    • Hallo Caspar, vielen Dank für den Input – diese strikte Regelung und die mögliche Auslegung war mir so nicht bewusst. Interessant wäre es aber in diesem Zusammenhang zu erfahren, wie die anderen Non-Profits das sehen, die sich an der Kampagne beteiligen, wie etwa Creative Commons, Wikimedia, Apache usw.

  3. Danke fürs Aufmerksam machen auf die Petition, das ist bisher irgendwie komplett an mir vorbei gegangen, obwohl ich auch so ein paar .org Domains nutze :-/

    • Hi, sehr gerne! Es war auch mein Eindruck, dass das Ganze nach einem kurzen Aufschrei im Herbst weitgehend unter dem Radar der meisten geblieben ist… Ich bin auch eher zufällig auf Twitter wieder darüber gestolpert.

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