Familiengeschichte

Ich bin ein Mensch mit Nazihintergrund

Mein Opa war ein Nazi – und ich weiß so gut wie nichts darüber. Es wird Zeit, das zu ändern.

Auf Twitter entfaltet sich seit wenigen Tagen unter den Hashtags #NaziHintergrund und #MeinNaziHintergrund eine Diskussion über die Verstrickungen eigener Familienmitglieder mit dem Nationalsozialismus und der persönliche Umgang damit. Anstoß für die Debatte gab ein öffentliches Gespräch zwischen Moshtari Hilal und Sinthujan Varatharajah auf Instagram vom 15. Februar 2021: Unter dem Titel Kapital und Rassismus bei Menschen mit Nazihintergrund thematisieren Hilal und Varatharajah den intransparenten bzw. mangelhaften Umgang von reichen deutschen Industrieerb:innen mit der Nazi-Vergangenheit ihrer Familien. Bislang haben etwas über 50.000 Menschen die Aufzeichnung des Gesprächs gesehen.

(Update vom 13.03.21, 15:28 Uhr: Mosthari Hilal hat ihr Instagram-Profil mittlerweile auf privat gestellt, das Video ist damit zurzeit nicht mehr öffentlich verfügbar).

Auf Twitter thematisieren nun Menschen ihre eigene Familiengeschichte in der NS-Zeit, deren Aufarbeitung innerhalb der Familien und die daraus für sie erwachsene Verantwortung. Der Account @nazihintergrund, von dem allerdings nicht klar ist, wer ihn initiiert hat, bündelt diese Beiträge und zieht auch schon ein erstes Fazit: „Erstaunlich viele Großväter waren Funker.“

Die Hintergründe und Folgen des Gesprächs zwischen Hilal und Varatharajah hat Jule Hoffmann am 12. März 2021 auf Zeit Online aufgearbeitet: Unter dem Titel Deutsch und damit nicht normal blickt Hoffmann auch auf ihre eigene Familiengeschichte und argumentiert, dass eine Selbstbezeichnung wie „Menschen mit Nazihintergrund“ dabei helfen könnte, verantwortungsvoll mit der eigenen NS-Geschichte umzugehen.

Mein eigener Nazihintergrund und mein Unwissen

Beim Schauen des o.g. Videos und beim Lesen der Beiträge auf Twitter erging es mir offenbar ähnlich wie Jule Hoffmann: Ich habe mich geschämt. Denn: Auch Mitglieder meiner eigenen Familie haben eine belegte, aktive Nazi-Vergangenheit – und mir wurde bewusst, dass ich viel zu wenig darüber weiß.

Während die NS-Zeit etwa während meiner Zeit in Schule und Universität in den Neunziger und Nuller Jahren in abstrakter Weise durchaus ausführlich thematisiert wurde, wurde innerhalb meiner Familie sehr wenig über die Nazi-Vergangenheit meiner Großeltern und weiterer Verwandten geredet. Es war kein absolutes Tabu, es war einfach nicht Thema – und ich habe viel zu wenig nachgefragt. Auch von meinen Freund:innen habe ich dazu nie wirklich etwas in Bezug auf ihre Familien erfahren, wir haben nicht darüber geredet.

Auf Anhieb weiß ich nur, dass der Bruder meiner Großmutter mütterlicherseits Panzersoldat bei der Wehrmacht war und im Russlandfeldzug gefallen ist. Ich habe noch nicht einmal seinen Namen parat. Und ich weiß, dass mein Großvater väterlicherseits „irgendwie bei der Reiter-SS“ war – und ich muss ihn tatsächlich googeln, um seine genaue Rolle … ja, was? In Erinnerung zu rufen? Oder in Erfahrung zu bringen?

Mein Großvater Hans-Otto Mayer war eben nicht nur „Buchhändler“ und „ein bedeutender Sammler von Thomas Manns Werken“, sondern nahm auch „1940 bis 1945 am Zweiten Weltkrieg teil, zuletzt als Hauptsturmführer der Waffen-SS” (alle Zitate aus dem Wikipedia-Artikel Hans-Otto Mayer).

In meiner Erinnerung wurde seine Geschichte in meiner engeren Familie zumeist wie folgt oder zumindest so ähnlich kolportiert: „Der Opi Mayer war im Reiterverein, und eines Tages kam dann jemand von der SS und hat gefragt, ob sie alle eintreten wollen, und alle haben dann wohl ‚Hurra!‘ geschrien. Und dann war er wohl noch mal an der Ostfront, aber in erster Linie Reiter.“ Mehr ist mir nicht geläufig. Dass diese Erzählung wohl nur ein Teil der Wahrheit umfasst, macht nicht zuletzt die Auflistung seiner „Ehrungen“ auf Wikipedia deutlich:

Screenshot einer Liste von Auszeichnungen aus der NS-Zeit und danach
Liste der „Ehrungen“ von Hans-Otto Mayer auf Wikipedia

Abgesehen davon, dass ich es extrem fragwürdig finde, wie hier unter der Überschrift „Ehrungen“ das „Eiserne Kreuz“ und die „Medaille Winterschlacht im Osten 1941/42“ einfach so unkommentiert in einer Reihe mit Auszeichnungen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und der Universität Düsseldorf stehen – nach lediglich ein wenig Pferdereiten und Funken sieht mir das nicht aus.

„Dein Ur-Opa war ein Nazi“

Aus meinem Unwissen ziehe ich eine lange überfällige Konsequenz: Ich muss mich der Nazi-Vergangenheit meiner Familie stellen und mit ihr darüber reden – viel mehr, als ich es bislang gemacht habe. „Wir haben nicht gelernt, darüber zu sprechen, nicht einmal untereinander“, so Jule Hoffmann. Es ist höchste Zeit, das zu ändern.

Es geht mir nicht darum, meiner Familie einen Vorwurf zu machen, wie sie mit ihrer eigenen Vergangenheit umgegangen ist. Es geht mir auch nicht um Schuld und Zuweisungen von Schuld – ich fühle mich nicht schuldig für die Taten meines Großvaters während der NS-Zeit, und genauso wenig haben sich die anderen seiner Nachkommen durch seine Taten Schuld aufgeladen. Ich möchte auch nicht meinen Großvater posthum und in ungerechter Weise verunglimpfen oder seine Lebensleistungen in der Nachkriegszeit entwerten. Vielmehr aber sehe ich mich in der Verantwortung, mich selbst mit der Geschichte meiner Familie auseinander zu setzen. Es gilt für mich persönlich, mehr von der Wahrheit zu erfahren, das Wissen darüber zu bewahren und weiterzugeben. Und es gilt auch, darüber zu reflektieren, welche Auswirkungen meine Familiengeschichte auf mich selbst womöglich hat. In welcher Form diese Aufarbeitung und Dokumentation geschehen wird, muss ich noch für mich herausfinden – darüber berichten kann ich hier auf diesem Blog.

Ich bin Moshtari Hilal und Sinthujan Varatharajah, zweier „Kinder von Geflüchteten“, wie sie sich in ihrem Video selbst nennen, dankbar für diesen Anstoß. Noch sind meine eigenen Kinder zu klein, aber wenn sie mich eines Tages fragen, wie die Geschichte ihrer eigenen Familie in der NS-Zeit aussah, will ich fundierte Antworten geben können – und natürlich muss ich nicht warten, bis sie danach fragen.


Further Reading


Das Foto oben zeigt Mitglieder der SS-Kavallerie-Brigade in der damaligen Sowjetunion am 23. September 1941. Mein Großvater könnte prinzipiell einer der abgebildeten Männer sein. (Bild: Bundesarchiv, Bild 101III-Adendorff-002-18A / Adendorf, Peter / CC-BY-SA 3.0 über Wikimedia).

4 Kommentare zu “Ich bin ein Mensch mit Nazihintergrund

  1. Bernd Woidtke

    Hey Alex,

    danke für deinen Artikel, ich finde ihn sehr verdienstvoll. Warum: Ich gebe dir recht, wenn du schreibst, dass es nicht darum geht, die Eltern oder Großeltern wegen ihrer Haltung im Nationalsozialismus zu verurteilen. Es geht darum herauszufinden, warum in der Familie geschwiegen wurde und wird. Und welche Haltung man selber entwickeln kann und sollte.

    In meiner Familie wurde genauso geschwiegen. Es geht das Gerücht, dass mein Großvater ein gefürchteter Berliner Nazi war. Und dass mein Vater in der SA war, jedenfalls war er zwölf Jahre lang, also während der gesamten NS-Zeit, Angehöriger der Wehrmacht. Mein Mutter hat mir immer erzählt, er wäre zeitlebens Sozialdemokrat gewesen. Irgendein Strang dieser Geschichte kann offenbar nicht stimmen.

    Der Umgang meiner Generation (oder eines Teils davon) mit der NS-Vergangenheit war ja eine Art Politisierung des Generationenkonfliktes: Man kämpfte gegen die Eltern und nahm ihre (vermeintliche) NS-Vergangenheit als Begründung, vielleicht auch als Vorwand. Gleichzeitig stellte man fest, dass die Nachkriegsgesellschaft nichts verstanden zu haben schien: Dass man unseren Kampf gegen den Vietnamkrieg in den 60er und 70er Jahren als jugendlichen Unsinn denunzierte, sahen wir als eine in der Tradition des Nazitums stehende Denkweise.

    Was lernen wir daraus? Offenheit, Diskussion, Ideologiefreiheit, Empathie, Toleranz. Gott, wie pathetisch das klingt. Aber alles Andere führt in die Irre.

    Ich bin sicher, dass du deine Kinder in diesem Sinne erziehst!

    Vielen Dank!

    • Hallo Bernd,

      vielen Dank für deinen Kommentar! Sehr spannend, was du aus deiner Familie und der breiteren gesellschaftlichen Auseinandersetzung berichtest.

      Es sehe es genau so, wie du schreibst: Mir steht es nicht zu, Urteile zu fällen. Aber ich sehe mich in der Verantwortung zu wissen, was geschehen ist, wie es dazu kam, und wie damit umgegangen wurde. Das ist übrigens ein Aspekt, den ich in dem Artikel oben nicht berührt habe: Wie ist mein Großvater, den ich ja nie bewusst kennengelernt habe, selbst mit seiner Vergangenheit umgegangen?

      Viele Grüße
      Alex

  2. Bernd Woidtke

    Hallo Alex,

    in unserem Bücherschrank fanden wir ein interessantes Dokument zu deinem Großvater Hans-Otto Mayer: Eine Vortragssammlung zur Verleihung der Ehrendoktorwürde an ihn 1973, die du ja auch erwähnst. Der Laudator Prof. Dr. Manfred Windfuhr schreibt darin einen fiktiven Brief Thomas Manns an seinen Sammler Mayer, der ihn quasi als Bruder im Geiste umarmt – der vor den Nazis ins Exil geflohene Thomas Mann den Hauptsturmführer der Waffen-SS.

    Mayer hält dann während der Veranstaltung eine längere Rede, in der er akribisch seine Verdienste bei der Sammlung von Erstausgaben, Briefen, Sekundärliteratur und Devotionalien auflistet. Nur sehr am Rande taucht der zeithistorische Hintergrund auf, z.B. dass Mann 1936 vom NS-Regime die Ehrendoktorwürde entzogen worden war, oder dass „nach der Währungsreform 1948 wieder ein normales Leben begann“. Er berichtet, dass er, Mayer, sich „1938 bei einem Verwandtenbesuch im Ausland den ‚Briefwechsel mit dem Dekan der philosophischen Fakultät Bonn anlässlich der Streichung Thomas Manns aus der Liste der Ehrendoktoren‘ in der Erstausgabe verschaffen“ konnte. Wie schön für ihn.

    Für uns ist es schwer nachzuvollziehen, wie man ein Leben für das Werk des Humanisten Thomas Mann verbringen kann, wie man mit der jüdischstämmigen Frau Thomas Manns, Katja Pringsheim, nach Manns Tod engstens befreundet war und gleichzeitig Funktionär des Barbarentums sein konnte. Man hätte ihn gerne gefragt.

    Beste Grüße,
    Bernd

    • Hallo Bernd,

      vielen Dank für den Hinweis! An diese Vortragssammlung kann ich mich auch wage erinnern. Wenn ich sie nicht mehr finde, werde ich noch mal auf dich zukommen.

      Ja, es sind viele Fragen offen. Ich hoffe, da in naher Zukunft vielleicht mal ein paar Lücken füllen zu können.

      Viele Grüße!

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