In deutschen Eltern-WhatsApp-Gruppen zirkuliert in diesen Tagen offenbar verstärkt ein Bilderbuch-PDF mit dem Titel „Die unglaublich müde Raupe Mama-hat-Corona-satt“. Ein Hinweis auf Autorenschaft oder Verlag fehlt. Die Geschichte basiert offensichtlich auf dem Kinderbuch-Klassiker Die kleine Raupe Nimmersatt des US-amerikanischen Autors Eric Carle aus dem Jahr 1969 (im Original: The Very Hungry Caterpillar).
„Die unglaublich müde Raupe Mama-hat-Corona-satt“ erzählt über der Verlauf einer Kalenderwoche hinweg von dem Versuch einer Mutter, die Herausforderungen der Corona-Pandemie mit Kindern durch verstärktes Essen zu kompensieren – um sich letztlich nach einer Zeit der raupenähnlichen Selbstisolation im Badezimmer wieder schmetterlingsgleich als liebende und opferwillige Mutter zu entpuppen.
Das Original
Eine Suche bei Twitter führt auf Umwegen schließlich zur Vorlage der auf WhatsApp kursierenden Nimmersatt-Adaption: „The Very F*cking Tired Mummy – A parody“ der in London lebenden Illustratorin Martyna Wisniewska-Michalak (ihre Profile bei Twitter, Instagram und Facebook).
Ihre englischsprachige Bildergeschichte hat Martyna Wisniewska-Michalak bereits im Juni 2020 über Facebook veröffentlicht – hier der Originalpost. Die Veröffentlichung stieß offenbar auf breite Resonanz: Bis zum Oktober 2020 wurde die Geschichte über 10 Millionen mal aufgerufen und 64.000 Mal geteilt. Auf vielfache Anregung der bis dahin über 13.000 Kommentor*innen initiierte die Autorin eine bis heute andauernde Crowdfunding-Kampagne für den Druck des englischsprachigen Originals.
Das Plagiat
Der deutschen Übersetzung fehlt nicht nur der Hinweis auf die Autorin, sie ist auch nicht autorisiert. Martyna Wisniewska-Michalak schreibt auf Facebook (mittels einer automatischen Übersetzung):
„Liebe deutschsprachige Freunde, danke, dass du mein Buch liebst. Die deutsche Übersetzung, die derzeit im Internet kreist, ist keine offizielle. Ich war mir nicht bewusst, dass es gemacht wurde und ich bin auch ein wenig traurig, dass sie alle meine Credits und sogar meinen Namen gelöscht haben.“ [sic]

Wer die Übersetzung zu verantworten hat, lässt sich dem PDF nicht entnehmen – jeglichen Verweis auf die Autorin des Originals zu streichen, ist jedenfalls ganz schlechter Stil. Aber der Vorgang ist natürlich auch mehr als eine Stilfrage: Die Erstellung und Verbreitung dieses Plagiats ist strafrechtlich relevant. Und es wundert einen da schon: Machen sich diejenigen, die das PDF gerade über ihre Netzwerke zirkulieren, keine Gedanken darüber, dass sie damit offensichtlich Gesetze brechen – und jemanden um wohlverdiente Einnahmen bringen? Ein dreizehn-seitiges PDF ist dann doch ein anderes Kaliber als ein lustiges 😂-Meme in der Elterngruppe.
Nimmersatt und selbstaufopfernd – wo die Übersetzung daneben liegt
Das englischsprachige Original lässt sich sicherlich auch kritisieren – etwa im Hinblick auf die Themen Ess-Störungen und Fat-Shaming – aber es ist vor allem die deutsche Textfassung, die mir ziemlich negativ aufgefallen ist. Im direkten Vergleich lässt sich schnell feststellen, dass hier keine sorgfältige Übersetzung vorgenommen wurde, die dem Original möglichst genau entspricht. Vielmehr ist die Übersetzung von offenbar bewussten Auslassungen und Fehlinterpretationen geprägt, die Charakter und Aussagen der Bildergeschichte verfälschen.
Es beginnt beim Titel: „A parody“ im Untertitel des Originals, keine Entsprechung in der Übersetzung. Und damit ist der Ton gesetzt: Im Original lässt sich durchweg eine gewisse ironische Distanzierung und Überzeichnung herauslesen, die der Übersetzung weithin abgeht.
Inhaltlich wurden in der Übersetzung eine Vielzahl von Änderungen vorgenomomen: So fehlt etwa der wiederholte Verweis auf Alkohol, es ist von „Quarantäne“ anstatt von „lockdown“ die Rede, und die Raupen-Mutter droht auch nicht mehr mit „manslaughter“.
Frappierend sind die Unterschiede allerdings vor allem in der Schlusssequenz, des „Einpuppens“. Im Original heißt es:
She shut the bedroom door, told her kids to go ask daddy, threatened death or injury to anyone who dared to trespass, and turned herself into a Mummy-burrito. She stayed inside all day and night. ALONE. She drank some wine, watched some Netflix, and talked to some friends. She slept without being kicked in the face. And the next day…
She started all over again, because mums are awesome and they get shit done. And even though sometimes they stress out, overeat or sleep all day, it’s OK. We all need a way to vent and cope, and self care is as important as caring for others.
In der Übersetzung hingegen:

Sie zeigte den Kindern wie man Oma anruft, schloß die Badezimmertür hinter sich, und verwandelte sich in einen Mama-Wrap. Eingewickelt blieb sie so liegen. Alleine. Sie fiel in einen tiefen Schlaf. Ohne Tritte, Schläge. plötzliche Nässe. Und am nächsten Tag…

…begann sie alles wieder von vorne, weil Mütter großartig sind und alles schaffen. Dass sie manchmal hysterisch oder überfressen sind, und Anzeichen der Schlafkrankheit haben, ist okay. Denn sie tut es für Ihre Kinder. [sic!]
Uff. Da steckt eine Menge drin. Zunächst fällt natürlich auf, dass die Übersetzung den im Original ohnehin spärlichen Verweis auf die Vater-Raupe auslässt und durch eine weitere weibliche Bezugsperson ersetzt. Die deutsche Mutter-Raupe sucht aber auch nicht den Kontakt zu Freund*innen, sondern verbleibt in der Selbstisolation.
Am problematischsten ist jedoch der letzte Satz der Übersetzung: Das Original verweist auf mögliche Auswege aus der Überlastung und betont die Beachtung der eigenen Bedürfnisse als Voraussetzung dafür, sich um andere Menschen kümmern zu können. Die Übersetzung verflacht hingegen zu einem Selbstaufopferungs-Narrativ: Die Mutter-Raupe ist auf sich gestellt, und ihre Bedürfnisse haben „für die Kinder“ komplett zurückzustehen. Gerade in Kombination mit der (Zauber)-Feen-ähnlichen Illustration ist diese Erzählung in mehrfacher Hinsicht die problematische Reduktion einer komplexen Situation auf eine kaum zu erfüllende und wohl auch nicht wünschenswerte Idealvorstellung.
Happy end?
Noch ist das Crowdfunding nicht erfolgreich abgeschlossen, aber es bleibt Martyna Wisniewska-Michalak zu wünschen, dass sie nicht nur den Druck der englischsprachigen Originalversion realisieren, sondern hoffentlich auch Übersetzungen anstoßen kann – denn einen Nerv hat sie mit ihrer Geschichte offensichtlich getroffen. Ich kaufe mir dann den zweiten Band: „The Very F*cking Tired Daddy“ – denn der bin ich zurzeit meistens. 🐛
Unbestritten sollen indes die Herausforderungen bleiben, vor die die Covid-19-Pandemie insbesondere Mütter stellt. Eine eindringliche Dokumentation dazu aus US-amerikanischer Perspektive habe ich heute in der New York Times gefunden: „The Primal Scream – Three American Mothers, On The Brink“.


Schreibe einen Kommentar